
ICH – und die Rolltreppe
Ich steige aus der U-Bahn aus und… da ist sie, die Rolltreppe.
Eigentlich ganz normal, wie immer – nur heute wirkt sie anders.
Interessiert (und natürlich auch zweckorientiert, geh doch nicht zu Fuß!) betrete ich sie… sie ist lang – gleitet ruhig dahin… und plötzlich beginne ich zu sinnieren… über das Leben… das Ziel…
Wäre doch schön, so ohne Anstrengung die Stufen des Lebens zu meistern – weiterkommen, ganz leicht – ohne Hindernisse, so wie auf der Rolltreppe – bis ganz hinauf zum Ziel.
Stolz stehe ich nun da – mitten auf der Rolltreppe – zufrieden, brauch keine Hilfe… hmmmm… Ja, das wär was…
Rummmms! Stillstand! Anscheinend ein Stromausfall…
Ich muss lachen.
Ist das Leben nicht eigenartig? Gerade jetzt, so mitten in diesen Gedanken?
Na gut, geh ich halt den Rest zu Fuß, so wie immer im Leben…
ICH – und der Fremde
Hmmm… den kenn ich doch? Aber wo hab ich das Gesicht schon mal gesehen…?
Ich sitze auf einer Bank im Stadtpark und grübleseit etwa 20 Minuten, wer wohl jene mir vermeintlich bekannte Person im dunkelblauen, schicken Anzug schräg gegenüber sein könnte.
„Aus der Firma kenne ich ihn nicht, sicher nicht- das ist schon mal klar. Aber eine andere Art flüchtiger Bekanntschaft, da bin ich mir ganz sicher. Nicht jemand, der mir nahe steht, aber doch eine Person, die ich kennen sollte… zumindest denke ich das.
Da, sein Blick geht seitlich und wir schauen uns für den Bruchteil einer Sekunde in die Augen. Keine Reaktion von ihm… also gut, er dürfte mich nicht kennen… anscheinend… oder vielleicht doch? Irgendwie bemerke ich, dass nun auch er überlegt, ob ich ihm wiederum nicht bekannt vorkäme. Grübelnd sitzen wir also vereint in unserer vernebelter Ahnung schräg vis-a-vis im Stadtpark und versuchen unsere peinliche Unkenntnis zu verschleiern… auch das eint uns.
Ich überspiel das alles vorerst und wende nun meinen Kopf und damit auch die Aufmerksamkeit kurzfristig einem auftauchenden Drehorgelspieler zu… nett, denke ich. Fasziniert beobachte ich die tanzenden Orgelpfeifen und ich fühle mich wieder in die Kindheit versetzt. „Kindheit?! Das könnte vielleicht sein…“, fast hätte ich schon meinen mir bekannten Unbekannten vergessen und da bringen mich die Erinnerungen wieder zurück.
Verstohlen blicke ich in Richtung der Parkbank und anscheinend dürfte auch er kurz in die Welt der Orgelpfeifen eingetaucht sein.
Das ist meine Chance!
Musternd tastet mein Blick jede mir noch so Hoffnung gebende Stelle einer möglichen Lösung seiner Identität ab. Angestrengt prüfe ich in mit verengten Augen meine seit Kindestagen aufgebaute Datenbank in meinem Hippocampus. Mein Atem wird kurz, ich beginne zu starren und… ich bemerke erst jetzt, dass er fast ängstlich ebenfalls zu mir herüber schaut.
„Ups“, entkommt es mir,„ich glaube er hat es bemerkt“… wobei ich mich schon fast über mich selbst wundern muss… „ich glaube“… offensichtlicher kann er mir gar nicht signalisieren, dass ich ihm grad eine Höllenangst eingejagt habe.
Tja, damit ist jetzt wohl die Zeit der Demaskierung angebrochen. Ich stehe auf und begebe mich mit einem breiten Grinser, der mein Gegenüber sichtlich nicht beruhigt, in Richtung möglichen ehemaligen Schulfreund. Etwas nervös rutscht Herbert (so denke ich hat doch der Retzinger in der vorletzten Bank neben dem Fenster geheißen) auf der Parkbank hin und her und sein Mund versucht nun ebenfalls angestrengt ein freundliches Lächeln zu formen… die Betonung liegt auf versucht, da Herbert dreinschaut, als hätte er 7 Kilo Zitronen verputzt und abschließend eine Melone quer im Mund platziert…
Ein nettes, eisbrechendes „Hallo“ wäre jetzt gut und ich setzte dem auch noch ein fragendes „Herbert?“ nach.
Nach einer kurzen Erstarrung schüttelt Herbert vehement den Kopf, springt auf und sucht rasch das Weite. Aus sicherer Entfernung höre ich nur noch ein „Michael, Michael Leidinger!“
Oh! Stimmt… mit ihm hatte mich meine Exfreundin betrogen…
ICH- und die Stille
Still ist es… wie sehr sehnt man sich doch nach dieser Empfindung- Ruhe, keine störenden Geräusche, keine künstlichen Technikergüsse, keine tierischen Klagelaute und vor allem kein menschliches Geplapper- wie schön!
„Nur… jetzt? Warum jetzt!?“
Ich hab’s nämlich mit letzter Kraft aufs WC geschafft, wozu mir kurz zuvor, nach einer überaus üppigen Schlemmerei, mein Verdauungstrakt schmerzvoll, vehement und daher sehr zügig geraten hat.
Und just in dem Moment, nachdem alles perfekt abgelaufen war (freundlich lächelnd hatte ich „rein zufällig“ zu jenem Zeitpunkt die Tischgesellschaft verlassen und mich locker lässig auf die freie Toilette begeben) und nun der befriedigende, wie leider auch schallpegeltechnische Höhepunkt erreicht wäre, erlischt mit einem Augenblick jegliche akustische Regung außerhalb meines noch stillen Örtchens.
„Echt jetzt! Das kann jetzt aber nicht sein!“, sind meine ersten Gedanken, „Das hören die doch! Es ist zwar das Vorzimmer dazwischen, aber keine Türe und der Esstisch gleich danach…“
Ich lausche. Nichts. Keine lockeren Plaudereien über belanglose Wetterkapriolen oder hitzige Debatten über die Notwendigkeit einer Altersvorsorge, ja nicht einmal ein einzelner, enthusiastischer Geschichtenerzähler, der den Fokus auf sich zieht!
UND es ist auch mehr als kurios, dass gerade in diesem Moment auch der CD-Player aufgehört hat zu spielen… oder vielleicht ist das sogar der Grund – toll!
Selbst dieser nervtötende Köter (Beethoven sein Name und wie sinnig: mein Schicksal) ist in diesem Augenblick still… hat er doch fast den ganzen Abend kläffend seinen Beitrag zu dieser Essenseinladung geliefert.
Ich schwitze… „Klar – so eine innerliche Explosion zeitlich hinauszuschieben bedarf anscheinend einer Menge an Energie. Ich könnte ja was singen… wobei… ein Liedchen aus dem Klo? Und vor allem – was soll ich singen? Jetzt tut’s aber schon ein bisserl weh… Kann bitte irgendwer irgendwas Geräuscherzeugendes unternehmen?! Mir kommt vor, dass alle lauschen, neugierig sind und nur darauf warten, was ich gleich von mir gebe.“
Da habe ich endlich die Idee!
Ich drücke die Spülung: „Herrlich“, denke ich, „endlich ein Geräusch!“ …und es hat etwas von einer Ouvertüre, denn nun folgt ein Husten von mir, mit gleichzeitigem Lösen der Verkrampfung meiner Darmmuskulatur und mit einem lauten Pfeifen von „Alle meine Entchen“ setze ich zum Finale an.
„Erlösung! Hach… wie ist das schön!“
Erleichtert und mit ein wenig Restunsicherheit – es könnte ja vielleicht trotzdem hörbar gewesen sein – kehre ich zum Esstisch zurück und… schaue ins Leere.
„Wo sind denn alle?“
„Ah… da auf der Terrasse.“
In der Nähe wurde gerade ein riesiges Feuerwerk in den Nachthimmel geschossen und das zog alle in seinen Bann und damit ins Freie.
„Meine Güte, all diese Qualen für nichts…“
Mit einem Lächeln stehe ich da, amüsiere mich ein wenig über mich und meine leidvolle Klogeschichte und bewundere die farbträchtigen Bilder in dieser so wunderbaren, kalten sternenklaren Nacht.
„Na toll!“
„Muss das jetzt sein!“
„Geh bitteeee!“
Errötet steh ich da, inmitten meiner Freunde.
Akkurat in die, mit einer Bruchteil von einer Sekunde dauernde Stille zwischen 2 explodierenden Feuerwerkskörpern, war mir mit einem Paukenschlag ein Schas entfleucht…

Der Gedanke
Gedanke grausam- Phantasie-warum quälst du mich
mit deinen unfertigen Tatsachen!
Du bist doch nicht real, ziehst mich in dein Schattenreich,
saugst an meiner Lebensenergie…
Welch Kuriositäten erdenkst du- fern jeglicher Vernunft
Und trotzdem… so spürbar echt…
wohin willst du mich begleiten- führt der Weg-
ich lieg doch schon gebrochen vor dir…
Lass mich in Ruhe! – Geh! – Verschwind! – schenk mir wieder Luft zu atmen!
Ich brauch dich nicht und trotzdem bleibst du,
zerstörst mein restliches Sein…
Gewonnen hast du- ich bin nicht mehr ich-
Ein vergang’nes Fragment meiner selbst…
so vegetier ich dahin… gab dir den Raum…
gedankenlos, das möchte ich sein…
Herbst
Traurig und gebrochen- gleich den Tagen im Herbst,
falle ich- den Boden unter den Füßen verlierend- immer tiefer…
gleich den Blättern in den Tagen im Herbst.
Liege nun da- abgefault und ohne Seele- gleich dem Blatt in den Tagen im Herbst.
Zerfalle, verwelke- pulsierender Schmerz- nichts mehr da-
Nur der Stängel… gleich dem in den Tagen im Herbst.
Kälte erwartend und Trostlosigkeit, gleich den Tagen im Herbst…
vergeh‘ ich ganz langsam- ein Ende das naht- immer stiller es wird…
gleich dem Winter nach den Tagen im Herbst…